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Die unmögliche Flucht vor steigenden Beiträgen

Zur Teuerung in der PKV trägt vieles bei. Beispielsweise Umlagen zur Quersubventionierung für den Basis-, Standard- und Notlagentarif. Wer seine PKV vor dem 01.01.2009 abgeschlossen hat kann auch in den Standardtarif wechseln – die anderen nur in den Basistarif. Auch das fehlende Kündigungsrecht des Versicherers (VR) bei Beitragsverzug verteuert die PKV. Ebenso dass immer weniger Kunden ihre PKV wechseln oder zur Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zurückgehen und ihre Alterungsrückstellungen (AR) zurücklassen. Dazu die längere Lebenserwartung. Ferner die Möglichkeit der Ärzte, teurere und mehr Behandlungen zu propagieren, also Patienten zu steuern.

 

Steigende Rückstellungen lassen die Beiträge anwachsen

Mindestens 10% des PKV-Beitrags ist ähnlich einer Lebensversicherung beim PKV-Versicherer zur Beitragsentlastung im Alter zurück zu legen. Versicherungsmathematisch werden Beiträge nach dem jeweils erreichten Alter erhöht. Wenn also ein Tarif im erreichten Alter um sechs Prozent erhöht wird, der Versicherte aber wegen seiner Vorversicherungszeit oder der beim früheren Tarifwechsel angerechneten Alterungsrückstellung nur die Hälfte des Neuzugangsbeitrags seines erreichten Alters zahlt, beträgt die gleiche absolute Erhöhung bei ihm schon rund zwölf Prozent.

Insofern ergeben sich „scheinbar” hohe Anpassungsprozentsätze also auch aus günstigen Beiträgen infolge hoher Alterungsrückstellungen, insbesondere auch nach Tarifwechseln.

 

Niedrigzins trifft jüngere Versicherte stärker

Bei den Älteren fallen indes über die Restlaufzeit bis Lebensende bei den Alterungsrückstellungen kaum mehr Zinsen an, so dass sich auch ein verminderter Rechnungszins nicht stark auswirkt. Die Auswirkung tritt eher in jungen Jahren am stärksten ein, weil ja dann über eine sogar noch weiter steigende AR der kalkulierte Zins auf Jahrzehnte fehlt, was durch höhere Beiträge ausgeglichen werden muss.

 

PKV nur etwas für Wohlhabende?

Wer also wegen einer Beitragsanpassung jetzt 150 EUR mehr zahlen muss, sollte sich freuen, dass er bisher so billig weggekommen ist, weil andere jetzt zwar nicht so stark erhöht werden, aber nur, weil sie bisher schon so viel zahlten.

Wer wirklich nicht mehr zahlen kann, geht in den Standardtarif mit Leistungen auf GKV-Niveau, und zahlt da im Schnitt noch 160 EUR. Und dann gibt es auch noch den Notlagentarif für nur rund 100 EUR monatlich, bei dem man die gleiche Leistung bei akuter Behandlung ganz ohne Selbstbeteiligung (SB) auch dann bekommt, wenn man gar nichts zahlt.

Niemand wird gezwungen, in hochwertigen gegenüber der GKV leistungsstarken PKV-Tarifen zu verbleiben. Mancher Versicherungsnehmer (VN) lässt sich beispielsweise durch Streit über PKV-Kostenerstattungen motivieren zurück in die GKV zu wechseln. Alternativ kann auch eine PKV-Versicherung im Ausland in Frage kommen, sowie eine Mitgliedschaft in einer Kranken-Unterstützungskasse (UK). Neben einer UK oder einer GKV kann man einzelne Tarifbausteine seiner bisherigen PKV auch behalten oder Zusatzversicherungen abschließen. Häufig kann der Wechsel bei den Ausgaben entlasten – vielleicht nicht auf Dauer. Mancher Tarifwechsler bemerkt, daß sein neuer PKV-Tarif nach einigen Jahren teurer geworden ist als sein Alttarif.

 

Noch kaum Nachfrage durch Versicherte im Standardtarif

Wer 55 Jahre alt ist oder bereits eine (EU-)Rente bezieht, und weniger als die Jahresarbeitsentgeltgrenze (JAEG, 2016: 56.250 €) verdient, oder wer den 65ten Geburtstag erreicht hat, könnte in den Standardtarif wechseln, wenn er sich bis 2008 PKV-versichert hat. Die kassenärztlichen Vereinigungen benennen auf Nachfrage Ärzte/ZÄ, die bereit sind, zu den Konditionen des Standardtarifes zu behandeln. Diese haben einen gesetzlichen Sicherstellungsauftrag.

In mancher Großstadt gibt es einen solchen Arzt mit Praxis im vierten Stock ohne Aufzug, wo die Patienten im Hausflur warten müssen. Der versteht aber vielleicht nur arabisch oder Zeichensprache. Man muss halt darauf deuten, wo es weh tut. Alternative: Man wartet bis Samstags und geht dann zur Notfallambulanz z.B. ins Krankenhaus.

Wer in der Hoffnung, dass die Schmerzen entweder abnehmen oder man stirbt erst dann dorthin geht, wenn beides nicht eingetreten ist, wird auch als Notfall im Notlagentarif durchgehen.

 

von Dr. Johannes Fiala und Dipl.-Math. Peter A. Schramm

 

mit freundlicher Genehmigung vom

http://www.network-karriere.de (veröffentlicht in Heft 12-2016, Seite 30)

 



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