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Die unmögliche Flucht vor steigenden Beiträgen in der PKV – Teil 1

„Herr, mir ist klar geworden, dass du ein harter Mann bist, erntest, wo du nicht gesät hast, und einsammelst, wo du nicht ausgestreut hast! So ging ich voller Angst weg und versteckte dein Talent in der Erde! Schau, da hast du das Deine!“ (Matthäus 25,024-25). Ein Interview mit Dr. Johannes Fiala und Dipl.-Math. Peter A. Schramm über steigende Beiträge in der Privaten Krankenversicherung und warum Sie ihnen nicht entrinnen können.

 

 

Weshalb hat die Europäische Zentralbank keinen Einfluss auf PKV-Prämiensteigerungen?

 

Zur Teuerung in der PKV trägt vieles bei. Beispielsweise Umlagen zur Quersubventionierung für den Basis-, Standard- und Notlagentarif. Wer seine PKV vor dem 01.01.2009 abgeschlossen hat, kann auch in den Standardtarif wechseln – die anderen nur in den Basistarif. Auch das fehlende Kündigungsrecht des Versicherers (VR) bei Beitragsverzug verteuert die PKV. Ebenso dass immer weniger Kunden ihre PKV wechseln oder zur Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zurückgehen und ihre Alterungsrückstellungen (AR) zurücklassen. Dazu die längere Lebenserwartung. Ferner die Möglichkeit der Ärzte, teurere und mehr Behandlungen zu propagieren, also Patienten zu steuern.

 

 

Lassen also steigende Alterungsrückstellungen die Beiträge anwachsen?

 

Mindestens 10 Prozent des PKV-Beitrags sind ähnlich einer Lebensversicherung beim PKV-Versicherer zur Beitragsentlastung im Alter zurückzulegen. Versicherungsmathematisch werden Beiträge immer nach dem jeweils erreichten Alter erhöht. Wenn also ein Tarif im erreichten Alter um sechs Prozent erhöht wird, der Versicherte aber wegen seiner Vorversicherungszeit, oder der beim früheren Tarifwechsel angerechneten Alterungsrückstellung nur die Hälfte des Neuzugangsbeitrags seines erreichten Alters zahlt, beträgt die gleiche absolute Erhöhung bei ihm schon rund zwölf Prozent. Insofern ergeben sich „scheinbar” hohe Anpassungsprozentsätze also auch aus günstigen Beiträgen infolge hoher Alterungsrückstellungen, insbesondere auch nach Tarifwechseln.

 

 

Wen trifft der vielzitierte Niedrigzins am stärksten?

 

Bei den Älteren fallen über die Restlaufzeit bis Lebensende bei den Alterungsrückstellungen kaum mehr Zinsen an, so dass sich auch ein verminderter Rechnungszins nicht stark auswirkt. Die Auswirkung tritt eher in jungen Jahren am stärksten ein, weil ja dann über eine sogar noch weiter steigende AR der kalkulierte Zins auf Jahrzehnte fehlt, was durch höhere Beiträge ausgeglichen werden muss.

 

 

Warum erscheinen diese Beitragserhöhungen manchmal so exorbitant hoch?

 

Die Ursache hoher Beitragsanpassungen liegt beispielsweise auch am Nachholbedarf, wenn Beiträge 5 Jahre lang oder darüber hinaus nicht angepasst werden durften und sich seitdem die Verhältnisse im Tarif stark geändert haben. Inklusive aller Berechnungsgrundlagen. Wegen § 204 VVG kann sich ein Versicherer gegen tendenziell kränkere Wechsler aus höherwertigen Alttarifen leider auch nicht wehren.

Wenn dann durch kranke Wechsler das ehemals gesunde und damit relativ preiswerte Tarifkollektiv sich hin zu einem schlechteren Gesundheitszustand verschiebt, müssen stärkere Beitragsanpassungen folgen. Vorher einkalkulieren kann und darf man solche Effekte als VR nicht. Diese Wechsler sowie auch die lang Versicherten sind dann von den prozentual stärksten Anpassungen betroffen. Tausende Euro für einen Tarifwechsel-Makler war dann später wohl erkennbar eine Fehlinvestition.

 

 

Welche Vorgehensweise würden Sie empfehlen – angesichts dieser unkalkulierbaren Erhöhungen?

 

Erstens: Wer wegen seiner Beitragsanpassung jetzt 150 EUR mehr zahlen muss, sollte sich freuen, dass er bisher so billig weggekommen ist, weil andere jetzt zwar nicht so stark erhöht werden, aber nur, weil sie bisher schon so viel zahlten.

Zweitens: Privatversicherte sollten sowieso einen Teil des Geldes, den sie durch niedrigere Zinsen auf Darlehen für ihre Investitionen einsparen, oder durch Mieterhöhungen bei ihren Mietern und Gewinne an der Börse mehr einnehmen, für die Altersvorsorge zurücklegen. Die höheren Beiträge der PKV sind dazu schon ein Teil, denn 50 – 70 Jährige können hier meist schon zwischen 60 und 100 TEUR AR angesammelt haben – und künftig wird das noch mehr werden. Es ist also wie immer die Perspektive, die zählt.

Und wer wirklich nicht mehr zahlen kann, geht in den Standardtarif mit Leistungen auf GKV-Niveau, und zahlt da im Schnitt noch 160 EUR. Und dann gibt es auch noch den Notlagentarif für nur rund 100 EUR monatlich, bei dem man die gleiche Leistung bei akuter Behandlung ganz ohne Selbstbeteiligung (SB) auch dann bekommt, wenn man gar nichts zahlt.

 

 

Nochmal zurück zum Niedrigzins … Wie sollen gerade junge Menschen darauf reagieren?

 

Wer meint, dass ihm die EZB das Geld für Altersvorsorge über hohe Zinsen verschaffen müsse, sollte mal daran denken, ob er es nicht zur Abwechslung mal mit ehrlicher Arbeit versuchen könnte und sich für später etwas zurücklegt. Bis zu weit mehr als 1.000 € Monatsbeitrag für die PKV sind im höheren Alter keine Seltenheit, wenn man bei den Leistungen nicht erheblich abspeckt oder lange Jahre in einem Beitragssicherungsplan für einen zusätzlichen Beitragsnachlass im Alter mehr Alterungsrückstellungen angespart hat.

Niemand wird gezwungen, in den hochwertigen, gegenüber der GKV leistungsstarken, PKV-Tarifen zu verbleiben. Mancher Versicherungsnehmer (VN) lässt sich beispielsweise durch Streit über PKV-Kostenerstattungen motivieren zurück in die GKV zu wechseln. Alternativ kann auch eine PKV-Versicherung im Ausland in Frage kommen, sowie eine Mitgliedschaft in einer Kranken-Unterstützungskasse (UK). Neben einer UK oder einer GKV kann man einzelne Tarifbausteine seiner bisherigen PKV auch behalten oder Zusatzversicherungen abschließen. Häufig kann der Wechsel bei den Ausgaben entlasten – vielleicht nicht auf Dauer. Mancher Tarifwechsler bemerkt, dass sein neuer PKV-Tarif nach einigen Jahren teurer geworden ist als sein Alttarif.

 

 

Wie sehen Sie die aktuelle Situation?

 

Ein Überangebot auf den Kapitalmärkten, also Geld das angelegt werden soll, drückt den Zins nach unten – bis in den negativen Bereich. Damit sinkt kalkulatorisch auch der Zinsanteil bei den Produktpreisen. Der durchschnittliche „Bodenanteil“ der Produktpreise ist – abgesehen von örtlichen Blasen – relativ stabil, denn es gab kaum erhöhte Nachfrage wegen der seit Jahrzehnten in etwa stabilen Reallöhne. Ein kreditfinanziertes Wirtschaftswachstum blieb dauerhaft aus, denn die Kapitaldienstfähigkeit der Haushalte hat durchschnittlich nicht zugenommen – und die Unternehmen besitzen häufiger Überkapazitäten und sind im Durchschnitt dank niedriger Steuern zu Netto-Sparern geworden.

Die Umsetzung der Wohnimmobilienkreditrichtlinie wird die Ausweitung von Immobiliendarlehen dämpfen. Es wäre eine EZB-Legende zu glauben, dass vermehrt Anleger in Aktien investieren, um dortige Gewinne sodann zu konsumieren. Der Staat spart zunehmend bei den Zinsausgaben – eine Tilgung ist nicht vorgesehen; ein Potential für Steuerentlastungen. Wenn der risikolose Zins unserer Staatsanleihen bei null liegt, so bedeutet jeder positive Zins ein Risiko für den Anleger. Damit ist aber noch gar nicht ausgemacht, wann der Realzins nach Steuern positiv ist. Denn selbst bei 4% Zinsertrag könnten 1% Steuern und 3% Inflation abzuziehen sein.

Wäre eine Inflation gewünscht, und damit höhere Zinsen, müsste der Staat die Monstranz der selbstverordneten „schwarzen Null“ ablegen, und durch Fiskal- sowie Strukturpolitik ersetzen. So aber bleibt der Zins dauerhaft niedrig und die Altersversorgung kostet nominell ein Vielfaches an Sparleistung, eingeschlossen den Aufwand für die Alterungsrückstellungen in der PKV.

 

 

Und hinsichtlich der Vorsorge?

 

Um eine Altersvorsorge aufzubauen, insbesondere zum Bezahlen der PKV-Beiträge im Alter, braucht man keinen Zins, sondern aus ehrlicher Arbeit erworbenes Geld. Bei niedrigerem Zins muss man länger oder härter arbeiten oder einen größeren Anteil dafür zurücklegen. Null ist nur eine Zahl zwischen 10 und minus 10 aber keine absolute Grenze, die Altersvorsorge unmöglich macht.

 

 

Aber ehrlich erworbenes Geld von heute ist morgen nur noch einen Bruchteil davon wert!

 

Der Zins ist ein Maß dafür, wie der Wert von Geld heute zu dem von morgen eingeschätzt wird.

Die Alten verarmen also, weil sie zu wenig vorsorgen, angeblich weil es sich nicht lohnt, vielleicht auch, weil sie zu aktiven Zeiten meinen, dass sie nichts übrig haben, um es zurückzulegen. Das ist natürlich nicht wahr, wenn man sieht, wie sie ihr Geld für nicht Überlebensnotwendiges verschwenden, um den Lebensstil der Nächst-Reicheren zu kopieren!

Wenn die Armen ihren Konsum einschränken müssen, ist es die Pflicht der Reichen, diese Lücke zu füllen. Die armen Produzenten sollten sich freuen, wenn ihnen die Reichen ihre Produkte abkaufen, statt dass sie darauf sitzen bleiben. Oder als Steuerzahler für Kredite einspringen müssen, die ins Ausland gehen, damit diese dann die überflüssig produzierten Waren abnehmen.

 

von Dr. Johannes Fiala und Dipl.-Math. Peter A. Schramm

 

mit freundlicher Genehmigung von

www.experten.de (veröffentlicht am 21.11.2016)

 

Link: https://www.experten.de/2016/11/21/die-unmoegliche-flucht-vor-steigenden-beitraegen-in-der-pkv-teil-1/