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Die unmögliche Flucht vor steigenden Beiträgen in der PKV – Teil 2

„Herr, mir ist klar geworden, dass du ein harter Mann bist, erntest, wo du nicht gesät hast, und einsammelst, wo du nicht ausgestreut hast! So ging ich voller Angst weg und versteckte dein Talent in der Erde! Schau, da hast du das Deine!“ (Matthäus 25,024-25). Ein Interview mit Dr. Johannes Fiala und Dipl.-Math. Peter A. Schramm über steigende Beiträge in der Privaten Krankenversicherung und warum Sie ihnen nicht entrinnen können (Zweiter Teil).

 

 

Sie halten also Niedrigzinsen – oder gar Negativzinsen –für ein positives Korrektiv?

 

Geld ist zum Ausgeben da, nicht um es anzuhäufen. Angemessen etwas für das Alter zurückzulegen, ist aber nicht zu beanstanden. Ausgeben für Konsum nützt allen, auch den Armen und bisher Arbeitslosen. Geld anzuhäufen, um noch mehr zu haben, das man auch später nicht braucht, ist zu verwerfen.

Dr. Abdul Azim Islahi, Professor für Ökonomie am Islamic Economics Institute an der King Abdulaziz University in Jeddah, schrieb in seiner Doktorarbeit zum Thema „Economic Concepts of Ibn Taimiyah“ auf Seite 118 (der revidierten Fassung der Islamic Foundation in Leicester) Folgendes:

«Die Verpflichtung eines Mannes, SICH und seine unterhaltsberechtigten ANGEHÖRIGEN zu versorgen, erfordert u.a. weltliche Mittel, was ihren Erwerb zu einem (religiösen) Gebot werden lässt. Ibn Taimiyah stützt diese Ansicht, indem er einen der frühesten Fiqh-Gelehrten zitiert, nämlich (den Tabi’in) Sa’id bin al-Musayyib, der sagte, dass nichts Gutes an einer Person sei, die Reichtum verabscheut, wo doch eine Person damit in der Lage sei seinem HERRN zu dienen, seine Verbindlichkeiten zu begleichen, sich selbst zu beschützen und unabhängig von anderen zu bleiben.“

Das Gedankenexperiment „Josephspfennig“ des Ökonomen Richard Price mit exponentieller Geldvermehrung durch den Zinseszins zeigt, dass ein positiver Zins auf Dauer absurd ist und der Minuszins eine vernünftige Lösung. Ggf. auch die Vermögenssteuer oder die Pflicht für Muslime, von größerem Geldvermögen 2,5  Prozent im Jahr für die Armen zu geben. Gelegentliche Kriege, Erdbeben, auch die Pflicht zur Kopfjagd, kann bewirken, dass ein positiver Zins aufrechterhalten werden kann. Minuszinsen ermöglichen aber den Frieden. Die im BGB seit dem Jahre 1900 festgeschriebene Verzinsung versuchte bereits 1919 der Ökonom Gottfried Feder als „Zinsknechtschaft“ abzuschaffen.

 

 

Ist die Lebensversicherung ein aussterbendes Geschäftsmodell?

 

Die Versicherer können das Geld auf absehbare Zeit nicht mal gegen real positive Zinsen ausleihen, sondern legen es sozusagen in den Tresor. Sie müssen jedes Jahr Kassensturz machen und wenn sie von dem anvertrauten Geld etwas verloren haben, oder auch nur weniger als die 3 Prozent im Mittel an Garantiezins verdient haben, dann müssen sie es mit ihrem eigenen Kapital ersetzen.

Die Versicherer müssen jedes Jahr prüfen, ob sie nicht vielleicht dem Kunden mehr schulden als sie noch haben. Eine Aktienkrise oder einen Sturz der Anleihepreise können sie nicht über Jahresende hinaus aussitzen, es sei denn, sie haben genug Eigenkapital. Der legale Bilanztrick über stille Lasten erwirtschaftete Verluste zu verstecken und auszusitzen kann diese Gefahr nicht beseitigen.

Also werden die Versicherer erzogen, sich so zu verhalten, wie der unnütze Knecht mit den anvertrauten Talenten. Heutige Regularien sind schon noch zeitgemäß, wenn es um Garantien geht. Nur Garantien zu erwarten ist nicht zeitgemäß, wenn man dafür nach 30 Jahren Sparen die Beiträge und sonst nichts zurückbekommt. Für ein langfristiges Geschäft, wie das Versicherungsgeschäft mit einem „Ausgleich in der Zeit“ über Jahre, passt kein jährlicher Kassensturz.

Das ist wie wenn man dem Knecht sagt, er möge etwas riskieren und einen ordentlichen Ertrag bringen, aber in Aussicht stellt, dass man mit dem Säbel jeden Abend vorbeikommt, um nachzuschauen, ob das Geld noch vollzählig da ist. Für jemanden, der Rendite will, ist es völlig widersinnig, das Geld jemandem zu geben, der dafür garantieren soll. Zudem können VN beim Lebensversicherer monatlich kommen und den garantierten Rückkaufswert verlangen.

Anders ist dies bei britischen Versicherern, wo es eine Garantie zum Ablauf in 30 Jahren gibt, aber dazwischen keine. Die gesetzliche Regulierung treibt mithin die PKV-Prämien nach oben und die Lebensversicherungsleistungen nach unten.

 

 

Wie steht es um den Standardtarif?

 

Wer 55 Jahre alt ist oder bereits eine (EU-)Rente bezieht, und weniger als die Jahresarbeitsentgeltgrenze (JAEG, 2016: 56.250 Euro) verdient, oder wer den 65ten Geburtstag erreicht hat, könnte in den Standardtarif wechseln, wenn er sich bis 2008 PKV-versichert hat.

Die kassenärztlichen Vereinigungen benennen auf Nachfrage Ärzte/ZÄ, die bereit sind, zu den Konditionen des Standardtarifs zu behandeln. Diese haben einen gesetzlichen Sicherstellungsauftrag. In mancher Großstadt gibt es einen solchen Arzt mit Praxis im vierten Stock ohne Aufzug, wo die Patienten im Hausflur warten müssen, etwa im Glasscherbenviertel. Der versteht aber vielleicht nur arabisch oder Zeichensprache. Man muss halt dorthin deuten, wo es weh tut.

Alternative: Man wartet bis Samstags und geht dann zur Notfallambulanz z.B. ins Krankenhaus. Wer in der Hoffnung, die Schmerzen würden verschwinden oder man selbst vorher sterben, erst im äußersten Notfall – sollte Beides nicht eingetreten sein – zum Arzt geht, der wird wohl auch als Notfall im Notlagentarif durchgehen.

Wenn die Zahl der Versicherten im Standardtarif zunimmt, wird es auch mehr Angebote geben. Früher mussten die Autofahrer sich auch ihr Benzin in Halbliterflaschen aus der Apotheke besorgen. Dafür findet man heute nur noch selten vor der Gaststätte einen Pfosten, wo man sein Pferd anbinden kann.

 

 

von Dr. Johannes Fiala und Dipl.-Math. Peter A. Schramm

 

mit freundlicher Genehmigung von

www.experten.de (veröffentlicht am 22.11.2016)

 

Link: https://www.experten.de/2016/11/22/die-unmoegliche-flucht-vor-steigenden-beitraegen-in-der-pkv-teil-2/