Finanzkrise: Versicherungspleiten trotz oder wegen Bankenrettung?

L ebensversicherungen als Wette auf geringere überschüsse oder Insolvenz…

Selbst wenn die Banken durch
den Staat gerettet werden,
müssen es womöglich die Lebensversicherer
mit der eigenen
Insolvenz bezahlen. Zumindest
aber droht die Reduzierung der
überschüsse, und damit eine
geringere Altersversorgung für
Privatversicherte. In den Portfolios
der Versicherer befinden
sich nämlich außer den echten
Gift-Papieren – reinste Wetten,
deren Totalverlust im Raum
steht – auch hochriskante Ausleihungen
an Banken, die bei
den Versicherern bisher noch
als „sichere festverzinsliche Papiere“
gewertet werden.

Intransparenz und fehlendes
Risikomanagement

Die Hoffnung des Neoliberalismus,
daß der Markt es
schon regeln werde, wird am
Ende nicht enttäuscht werden:
Banken- und Versichererpleiten
sind die Quittung für eine naive
Gier nach dem Mehr an Rendite
– ganz ohne fundamentalen
Blick auf Risiken und Bonität.
Hellseher und Wahrsager,
modern Rating-Agenturen
genannt, haben Konjunktur.
Auch der größte Rückversicherer
hat das Problem im Kern
erkannt: Fehlendes Risikomanagement,
mangelhafte Auseinandersetzung
mit dem Verhältnis
von Risiko zu Rendite, und
neue Bilanzierungsregeln als
Einladung zur Intransparenz.
Auf Kapitalanlagen am Roulette-
Tisch durch Versicherer
seit 2000 folgte 2002 die Bilanzregel
der „stillen Lasten“
– damit wurden die Verluste fast
unsichtbar gemacht – und man
konnte Gewinne ausschütten,
die man gar nicht hatte. Die politische
Antwort 2008 auf neue
Verluste aus „strukturierten
Papieren“ in den Finanzhäusern
war die faktische Abschaffung
der Insolvenz bei überschuldung.
Vernebelung untergräbt
das Vertrauen der Anleger und
Kreditgeber.
Aber die Finanzaufsicht wird
im traditionellen vorauseilenden
Gehorsam bestimmt ein
wachsames Auge darauf haben,
sich am fehlenden Risikomanagement
auch weiterhin nicht
zu stören? Wenn die Kapitalanlagen
zusammen mehr als
25% über ihrem tatsächlichen
Wert in der Bilanz stehen, will
man diese Wertansätze dort
erst einmal auf Nachhaltigkeit
prüfen.

Totalausfallrisiko: Investments
der Versicherer in
nachrangige Darlehen

Im „Special zur Finanzkrise“
weist der „map-Report“ auf
die geringe Quote bei amerikanischen
Schrotthypotheken
und Aktien in den Finanzanlagen
der Lebensversicherer hin:
„Besorgnis ist unbegründet“.
Indes befindet sich das Risiko
in nachrangigen Darlehen der
Versicherer an Banken, welche
im Vergleich zum denkbaren
Totalausfallrisiko eine minimal
höhere Verzinsung bieten: Solche
Investments folgen dem
Glauben, man könne ein reales
Risiko schönreden und damit
jede noch so hohe Rendite am
Ende sicher erwirtschaften:
Strukturierte Schuldscheindarlehen
und Nachranginvestments
wurden gerne von
Lebensversicherern gekauft,
die mit diesen „sicheren festverzinslichen
Papieren“ die
erforderliche Rendite erwirtschaften
wollten, um neben
dem Garantiezins auch noch
eine überschußbeteiligung
zahlen zu können.

80% Verlust – keine
Bilanzwahrheit

Nun sind diese Papiere im Mittel
nur noch 20 Cent je Euro
Nennwert und teilweise weniger
wert, was die Versicherer
aber nicht so bilanzieren mögen
und auch nicht müssen, solange die Zinsen
gezahlt werden und die Papiere bis zum
Ende gehalten werden können und dann am
Ende von den Banken auch „vermutlich“
eingelöst werden. Das ist aber nicht einmal
von den vorrangig zu bedienenden ebenfalls
ungesicherten sonstigen Bankschuldverschreibungen
sicher. Diese auf Hoffnung
basierende Bilanzierung begründen die
Versicherer ganz legal damit, daß es (bisher)
keinen Run der Versicherungskunden auf
ihr Geld gibt und die Leistungen an Kunden
– statt aus dem Verkauf von Papieren – aus
der laufenden Beitragseinnahme gezahlt
werden können, und daß außerdem die
Banken gerettet werden. Dies wäre gerade
so, also wenn ein Handwerker den Abfluß
der neuen Badewanne nicht dicht bekommt,
und darauf hinweist, daß man ja
beliebig frisches Wasser nachfüllen könne.
Ob die Kunden es auf Dauer akzeptieren,
daß ihr echtes frisches Beitrags-Geld gleich
an andere ausgezahlt wird und sie dafür
Anteile an inzwischen nahezu wertlosen
Papieren erhalten, ist zwar fraglich, funktioniert
aber sogar bei Schneeballsystemen
ggf. sogar jahrelang. Man muß ja erst einmal
merken, ob das Faß einen Boden hat.

Zahlungseinstellung bei Nachrangdarlehen
der Versicherer

Nun zeichnet sich aber ab, daß zwar die
Banken allgemein gerettet werden, aber die
Vorstandsgehälter und Dividenden gekürzt
bzw. ausgesetzt werden und – zur überraschung
der Versicherer – auch die Nachranganlagen
zunächst einmal
nicht mehr mit Zinsen und
Tilgungen bedient – und
womöglich auch am Ende
gar nicht eingelöst werden.
Der Kursverfall sogenannter
Hybridanleihen kann täglich
bei Bloomberg verfolgt werden.
Bei Nachranganleihen
handelt es sich um Risikokapital der Banken
– für das Risiko, daß sie notfalls nicht verzinst
und getilgt werden, wird etwas mehr
Rendite versprochen. Andere, die Banken
ebenfalls Eigenkapital in Milliardenhöhe
zur Verfügung gestellt haben, werden heute
vom Staat vor die Alternative gestellt, ihre
Anteile freiwillig zu einem Bruchteil der
ursprünglich dafür gezahlten Milliarden
abzugeben oder durch rasch noch dafür geschaffene
Gesetze enteignet zu werden. Bei
trotz solcher Maßnahmen hohen Kosten für
den Steuerzahler wäre es schwer vermittelbar,
wenn die in riskante Nachranganleihen
investierten Versicherer als einzige von den
Folgen der bewußt eingegangenen Risiken
freigestellt würden. Bei der BayernLB z.B.
hat sich bereits Brüssel eingemischt und
genehmigt zwar die Staatshilfen, aber nur
unter der Voraussetzung eines Ausschüttungsverbots
für Nachrangdarlehen. Gerade
die Rettung der Banken führt mithin dazu,
daß die Nachrangdarlehen (die ja fast nur
von institutionellen Anlegern wie Versicherern
gezeichnet wurden) womöglich nicht
nur nahezu unverkäuflich, sondern auch
ganz real ziemlich wertlos werden. Wenn
aber ihre Tilgung nicht mehr anzunehmen
ist, müssen sie auch gleich abgeschrieben
werden.

Versicherungsverband kündigt
Leistungskürzungen an

Die Reaktion der Versicherungswirtschaft
ist nicht etwa, daß man inkompetente
Finanzmanager entsorgt und ein solides
Risikomanagement installiert. Schließlich
ist bis heute, auch in Banken, die Innenrevision
noch immer nicht aussagefähig über
den genauen Umfang der Risiken in den
eigenen Kapitalanlagen. Ganz im Gegenteil:
Die Versicherer drohen den Banken
und (mehr oder weniger indirekt) so auch
dem Staat, die Refinanzierungsmöglichkeiten
einzuschränken, wenn die Zins- und
Tilgungszahlungen auf ihre Nachrangdarlehen
nicht bedient werden. Außerdem
würde die Altersvorsorge
der Versicherungsnehmer
vermindert werden, die
der Staat gerade erst mit
Milliarden Steuersubventionen
auf eine vermehrte
Kapitaldeckung umstellen
will. Unwahrscheinlich, das
sich der Staat von solchen
Drohungen beeindrucken läßt. Vielleicht
sollte man sich auf klassische Schuldscheindarlehen
oder besser Pfandbriefe
konzentrieren, ohne Strukturen und ohne
Nachrang – mit wirklich guter Aussicht auf
Rückzahlung.

Finanzvorstände mit dem
Rücken zur Wand

Kurz: Obwohl die Banken gerettet werden,
sind speziell die nachrangigen Darlehen der
Versicherer an Banken damit keinesfalls
sicher oder sogar, genau weil sie gerettet
werden, fallen die Zins- und Tilgungszahlungen
auf Nachrangdarlehen aus. Und
damit ist genau das Gegenteil dessen richtig,
was die Versicherer behaupten. Man wird
sich wohl damit abfinden müssen, daß
auch die Versicherten sich mit geringerer
Altersversorgung an der Bankenrettung
beteiligen werden. Und weil dies so ist,
könnte es außerdem noch einen Run auf
Versicherer geben, der letztlich dann doch
noch den Verkauf bzw. die Abschreibung
der betreffenden Papiere erzwingt – weil es
dann ggf. nicht mehr anzunehmen ist, daß
sie bis zum Ende gehalten werden können
und dann getilgt werden. Die Aktuare der
DAV erarbeiten derzeit einen konkreten
Hinweis, wie in einem solchen Fall z. B.
eines Runs auf Versicherer in einer Finanzkrise
die Rückkaufswerte zusätzlich gekürzt
werden können. Gesetzlich ist dies nach §
169 (6) VVG – und ohnehin auch schon gemäß
der für Altverträge geltenden Regelung
über den Zeitwert – möglich. Der Wert von
Lebensversicherungen als Kreditsicherheit
wird dadurch auch fraglich.

Mißtrauen führt zu Vorkasse
und verstärktem Einsatz von Kreditsicherheiten

Die Intransparenz der Bilanzierungsregeln
führt zu Mißtrauen – Unternehmer verlangen
zunehmend Vorkasse. So werden auch
institutionelle Anleger dazu übergehen
müssen, auf eine werthaltige Besicherung
ihrer Kapitalanlagen zu achten. Dieser
Trend wird zunächst kaum aufzuhalten
sein, denn infolge Rating-Verschlechterung
wurden auch Staatsanleihen aus Italien und
einige andere Papiere abgewertet, die zu
„stillen Lasten“ oder Abschreibungsbedarf
bei Versicherern beitragen.

Wo mein Geld noch sicher ist?

Anleger werden sich die Frage stellen, ob
sie sich den erheblichen Risiken bei Kapitalanlagen
in Lebensversicherungen weiter
aussetzen wollen. Niemand hat diesen Kunden
vorher gesagt, daß zahlreiche Finanzvorstände
der Versicherer das Geld direkt zur
Spielbank tragen werden – dies hätten die
Versicherungssparer auch selbst erledigen
können. Solche Entwicklungen können
nach höchstrichterlicher Rechtsprechung
selbst zur Kündbarkeit an und für sich
vertraglich unkündbarer Verträge führen.
Welcher Riester- oder Rürup-Kunde schaut
schon gerne zu,
wie seine Altersversorgung
verbrannt wird
– oder akzeptiert,
daß er es
nur zurückerhält,
wenn er
als Steuerzahler erst einmal ein Vielfaches
zu seiner Rettung bezahlt hat.
Die Lebensversicherungsbranche hat jedoch
ein viel größeres Problem: Das Vertrauen
der Kunden hat sie verspielt, und arbeitet
daran offenbar weiter. Boni für Verluste
statt Personalwechsel, Spielsüchtige als
Finanzmanager, Intransparenz statt Abschreibungen
und Risiko-Management.
Der US-Börsenbrief Heibel-Ticker schreibt:
„Mein Rat an Sie – meiden Sie Lebensversicherungen
wie der Teufel das Weihwasser“.
Da alle Versicherer mehr oder weniger
ähnlich betroffen sind, erledigt sich auch die
Hoffnung, sie könnten in einer allgemeinen
Finanzkrise – über „Protektor“ – sich gegenseitig
retten. Wer bereits in auf kollektiver
Risikotragung und kollektiver Kapitalanlage
beruhenden Versicherungen investiert ist,
wird sein Geld nicht einfach in einem Akt
der Unsolida-rität zu Lasten der Zurückbleibenden
abziehen können. Hier haben die
Versicherer ausreichend Mittel und Möglichkeiten,
den treu bei seinem Versicherer
ausharrenden Kunden vor einer Schädigung
durch solche eigennützig gegen das Kollektiv
spekulie-rende Anleger zu schützen. Sie
werden diese sicher auch einsetzen, sollten
Kündigungen aufgrund geschwundenen
Anlegervertrauens überhandnehmen. Daher
werden die Versicherer wohl die Krise auch
irgendwie überleben.

Dr. J. Fiala und P. A. Schramm

(Computern im Handwerk 05.2009, 5-7)

Mit freundlicher Genehmigung vonhttp://www.computern-im-handwerk.de/> www.computern-im-handwerk.de.

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