Alle Jahre wieder – Das Geschäft mit den Gefühlen

 

Hans-Lothar Merten und Johannes Fiala: So erkennen Sie unseriöse Hilfsorganisationen

 

Weihnachten ist es mal wieder so weit: Spendengalas auf allen Sendern, Spendenaufrufe in Provinzzeitungen und in den Briefkästen der Bundesbürger, die Jahr für Jahr rund vier Milliarden Euro spenden. Rund ein Drittel davon fließen in den Monaten November und Dezember, im Schnitt 115 Euro pro Kopf. Dass solche Hilfsbereitschaft auch Scharlatane auf den Plan ruft, versteht sich von selbst.

 

Wie sehr das Spenden wesen eine Sache der emotionalen Selbstverpflichtung geworden ist, zeigt sich daran, dass gerade in der Vorweihnachtszeit besonders viele Initiativen an unsere Mildtätigkeit appellieren. Sie senden uns Postkarten mit fußgemalten Bildern, personalisierte Absenderaufkleber mit unserem Namen und manches mehr. Kühl kalkuliert werden wir zum Spenden in die Pflicht genommen. Spenden wir nicht, bekommen wir die Zusendungen geschenkt. Damit verursachen wir einen Schaden an zuvor entrichteten Spendengeldern, wir fühlen uns schuldig. Leis – ten können sich solche Werbekampagnen nur große Hilfsorganisationen. Wer aber für eine große Organisation gespendet hat und danach von einer kleineren erfährt, der fühlt sich schon wieder einer Unterlassung schuldig.

 

Spenden ist schick und beruhigend

 

Fundraising ist ein Geschäft mit Gefühlen und bedeutet, mit viel Phantasie möglichst viel Geld für die Organisationen zu besorgen. Dazu kommen gönnerhafte Gesten auf Spenderseite, mit denen häufig ein schlechtes Gewissen erleichtert wird. Erst essen, dann spenden – Galas und Charity-Ban – kette dienen häufig dem Selbstzweck. Meist geht es um die Selbstpräsentation exklusiver Damen aus Sport- oder Showgeschäft, denen es hauptsächlich da rum geht, in der richtigen Klatsch spalte neben dem richtigen Platzhirsch abgebildet zu sein. Nicht zu vergessen die selbst ernannten Samariter, denen demonstriertes Mitleid allein der öffentlichen Imagepflege dient. Das Elend derer, zu deren Nutzen man da zu tafeln vorgibt, gerät dabei schnell ins Vergessen. Statt das Geld fürs Schlemmen auszugeben, sollte man es besser gleich für Sozialprojekte spenden.

Damit ein attraktives Event geschaffen werden kann, wird häufig ein viel höherer Aufwand getrieben als bei reinen Spendensammlungen. Die eingesammelten Spenden fließen zu erheblichen Teilen – bis zu 35 Prozent – in die Eigenfinanzierung der jeweiligen Organisationen. Bei den zertifizierten Wohltätern liegen die Ausgaben für Werbung und Verwaltung bei durchschnittlich 16 Prozent. Nur die wenigsten Menschen ziehen in Zweifel, dass Geldbeschaffung auch Geld kostet.

Die Frage ist nur, ob diese Kosten transparent offengelegt werden, ob sie angemessen sind und ob sie im Einzelfall nicht reduziert werden können. Exklusive Bankette bringen zwar einen gewissen Ertrag für die jeweilige Organisation ein, der dann häufig pathetisch als Riesenscheck überreicht wird, sie haben aber meist keine unmittelbare Breitenwirkung. Das Bettelmanagement wirkt integer, kündet von sozialem Verantwortungsgefühl und klingt ein bisschen nach Jetset. Dabei werden von den Organisationen riesige Beträge in Kampagnen investiert, deren unmittelbares Ziel nicht die Behebung von Not und Elend ist, sondern das Aktivieren neuer Spenden. Mit diesem Spendenmarketing verdienen viele ihren Lebensunterhalt. Fundraiser lassen sich als Sozialmakler von den Spendern für die Illusion bezahlen, ihre Organisationen übernähmen eine Teilverantwortung für die Verbesserung der Welt. Elend und Mitgefühl werden zum Spendensammeln instrumentalisiert. Während die Organisationen Missstände aufzeigen und gleichzeitig Lösungen präsentieren, stellen die Spender Finanzmittel bereit und übergeben ihre menschliche Verantwortung. Spenden wird so zur Form des Massenkonsums.

 

Die Wohltäterindustrie

 

Die Hilfsbereitschaft der Bundesbürger hilft nicht nur vielen Bedürftigen. Die organisierte Menschenfreundlichkeit nährt zugleich eine gigantische Wohltäterindustrie. Die Großen der Branche, Caritas (katholisch) und Diakonisches Werk (evangelisch), beschäftigen fast zwei Millionen Mitarbeiter, das Rote Kreuz „nur“ 80.000. Die Zahl der Arbeitsplätze bei den fünf großen Organisationen hat sich seit 1970 verdreifacht. Die Caritas ist mit knapp 500.000 Beschäftigten der größte private Arbeitgeber in Deutschland. Aber wer weiß das schon. Das liegt an der notorischen Verschwiegenheit der Wohltäter. über die guten Werke reden sie gerne, doch die Sozialunternehmen bleiben im Dunkeln. Umsätze und Kassenlage der Wohlfahrtsimperien sind in der Regel unbekannt. Und Vergleichsdaten darüber, wo effizient oder schludrig gearbeitet wird, gibt es nicht. Nächstenliebe heiligt den Schleier der Intransparenz. Mangelnde Wirtschaftlichkeit ist die Folge. Sie verfügen über Spendengelder in Milliardenhöhe, doch nur etwa die Hälfte der Spendensammler legt Rechenschaft ab über dessen Verwendung. Daneben gibt es viele größere und kleine Hilfsorganisationen, die Hunger, Wasser, Kinder, Kranke oder auch Tiere auf ihre Fahne geschrieben haben. Sie alle versuchen mit ihren teils weltumspannenden Projekten über die von ihnen eingesammelten Gelder Elend, Mangel und andere Bedürftigkeiten zu lindern. Ohne Spendengelder geht das nicht. Doch viele Menschen zahlen für den Kick, sich tief im Herzen als Gutmensch fühlen zu dürfen. Gleichzeitig trinken sie morgens Kaffee, der von armen Menschen, oft Kindern, in der Dritten Welt geerntet wird. Sie tragen Kleidung, die unter unmenschlichen Verhältnissen in asiatischen Sonderwirtschaftszonen hergestellt wurde, wo 14-Jährige im Leistungsakkord geschunden werden. Und die Turnschuhe zum abendlichen Joggen kommen aus Fabriken, in denen minderjährige Arbeiter nicht einmal zur Toilette gehen dürfen. Das Spenden kauft uns von Schuldgefühlen frei – aber nur für den Augenblick. Ist man erst einmal zum Spender geworden, häufen sich die Anfragen: potenziell missbrauchte Kinder, lepröse Kranke, zerfetzte Tierkadaver etc. Die Wohltäterbranche muss uns nur etwas mehr quälen, schon zahlen wir uns mit einer Spende wieder frei. Dabei wissen wir, dass die Nachfrage nach Kinderprostitution oder Kinderarbeit – vom Ende der Produktionskette gesehen – aus unseren Ländern kommt. Die Finger machen sich natürlich andere schmutzig, aber die Konsumenten sind neben uns.

 

„Wir helfen! Helfen Sie uns“

 

Wofür spendet man? Was geschieht mit den Spenden, wie wirken sie? Was bringt unsere Spende wirklich? Zu viele Spenden erreichen nicht das Ziel. Sie gehen für die Organisation und Akquisition von Spenden verloren. Es ist das Geld anderer Leute, welches Spenden- und Wohltätigkeitsorganisationen dafür ausgeben. Darunter sind neben Spenden von Privatpersonen und Unternehmen auch Ausschüttungen aus dem staatlichen Glücksspielmonopol, Zuwendungen von gerichtlich eingestrichenen Geldauflagen, Mittel aus der Pflege- und Krankenversicherung und Milliarden aus dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Dabei verzichten die Wohltäter darauf, ihre Gewinne eigennützig zu verwenden. Zur Belohnung werden sie als gemeinnützig anerkannt. Wer das Gütesiegel ergattert, wird vom Staat mit einer Fülle von Privilegien ausgestattet. Gemeinnützigkeit hat ihren Preis. Sie verführt zu teurer Ineffizienz, während gewinnorientierte private Anbieter zur Kostendisziplin verdammt sind. Die staatlich gewährten Privilegien sichern der Wohlfahrtspflege ihre kartellartige Marktstellung im Sozialbereich. Im teuren Kartell wird Hand in Hand gearbeitet: Unbehelligt von Wettbewerbern handeln Caritas & Co. mit den Kostenträgern Pflegesätze für Altenheime oder Betreuungskosten für Kitas aus. Durch den Verweis auf ihren Non-Profit-Status fühlt sich die Wohltätigkeitsbranche immun.

 

Nur wer spendet, wird Spender

 

Ob für Hilfsprojekte im Ausland oder Armutsprojekte in Deutschland – jeder Spenden-Euro kann nur einmal ausgegeben werden. Viele Spender sind gar nicht so wohl situiert, dass sie mal eben etwas zu spenden hätten. Sie tun es dennoch, aus ernsthaft empfundenem Mitleid, romantischer Selbstüberhöhung oder wenigstens aus der Einsicht, dass nur Solidarität einem anderen aus der Patsche helfen kann. Spender sollten sich aber über die Organisation und den Weg informieren, den ihre Spende nimmt. Es gibt viele gute und redliche Hilfsorganisationen, die Spendern Gelegenheit geben, sich freiwillig für die Unterstützung bestimmter gemeinnütziger Vorhaben zu entscheiden. Sie alle sind es wert, mit ihren Anliegen unterstützt zu werden. Für sie zählt jede Spende. Unseriöse Spendenwerbung betreiben im Ganzen gesehen nur wenige Organisationen, denen es nicht um positive gemeinnützige Effekte, sondern nur um ihre persönliche Bereicherung geht. Anderen fehlt es an der nötigen Fachkompetenz, Projekte erfolgreich zu planen und durchzuführen. Diese gefährden durch ihre Praktiken den guten Ruf des gesamten Spendenwesens. Jede Spende zählt. Doch spenden sollte man, um Not zu lindern. Die gibt es weltweit reichlich. Aber kein Spender kann ernsthaft annehmen, durch seinen Beitrag irgendetwas an diesem Gesamtbild ändern zu können. Seine Hilfe ist gemessen an der Größe des Planeten nicht einmal ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aber wenn wir mit der Lupe auf einen einzelnen Ort schauen, können wir sehen, dass diese winzige und unmaßgebliche Spende dort vieles verändern kann. Viele Initiativen und Hilfswerke binden die Menschen in den Zielländern in die Gestaltung ihrer Projekte ein. Hilfe zur Selbsthilfe ist das Ziel.

 

Ehrlichkeit, Transparenz, Kostenüberblick – was Spender wissen sollten

 

Stellt die Organisation eine aktuelle Berichterstattung zur Verfügung?

 

Stellt die Organisation ihre Organisationsstruktur dar und legt sie die Bezüge der Organe offen?

 

Gewährt die Organisation Einsicht in ihre Ziele, ihre Strategie und in ihre satzungsgemäße Arbeit?

 

Berichtet die Organisation über durchgeführte Projekte, Dienstleistungen oder Programme und berichtet sie darüber, wie viel Mittel in diese geflossen sind?

 

Berichtet die Organisation über die Ergebnisse der durchgeführten Projekte, Programme und Dienstleistungen?

 

Veröffentlicht die Organisation eine Bilanz und erläutert sie die Bilanzposten und Gründe für wesentliche Abweichungen gegenüber dem Vorjahr?

 

– Beinhaltet die Berichterstattung eine Erfolgsrechnung und werden die Einzelposten sowie etwaige Abweichungen zum Plan- bzw. Vorjahr erläutert?

 

– Enthält die Erfolgsrechnung eine Einnahmen- und Ausgabenrechnung, werden Einzelposten und etwaige Abweichungen zum Plan- bzw. Vorjahr erläutert?

 

– Berichtet die Organisation über die Verwendung eines Jahresüberschusses oder den Ausgleich eines Jahresfehlbetrags?

 

– Berichtet die Organisation über die Höhe der Werbeaufwendungen und gewährt sie Einblick in die Verwaltungsaufwendungen?

 

– Trifft die Organisation eine Aussage über die Prüfung des Jahresabschlusses durch einen Wirtschaftsprüfer o. ä.?

 

– Liegt ein Bericht der Organe vor und stellt dieser wesentliche Entwicklungen oder Ereignisse des Geschäftsjahres dar, gibt er einen Ausblick auf zukünftige Vorhaben?

 

– Bietet die Organisation einen überblick über ihre finanzielle Situation? 

 

– Macht die Organisation Angaben zur überwachung der Mittelverwendung?

 

Unseriöse Hilfsorganisationen erkennen

 

In Deutschland gibt es keine Publizitätspflicht und keine rechtlich bindenden Rechnungslegungsstandards für Spenden sammelnde Organisationen. Auch fehlen für die Beurteilung der Effektivität einheitliche Berechnungsweisen. Wie viel Geld eine Non-Profit-Organisation für die Sicherung der eigenen Existenz benötigt, scheint immer noch Auslegungssache zu sein. Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI), Deutscher Spendenrat und andere bieten interessierten Spendern eine Orientierung über messbare Kriterien bei Organisationen und Initiativen. Das DZI vergibt ein so genanntes Spendensiegel. Organisationen, die es führen wollen, müssen gemeinnützig sein und nachweisen, dass sie überregional sammeln. Letzteres vor allem deshalb, damit kleine Initiativen, die sich auf regionaler Ebene oft erfolgreich engagieren, nicht unter Druck geraten. Für die wäre der Antrag auf den Spenden-TüV zu teuer und wenig gewinnbringend. Kein Siegel zu führen, muss also zumindest für kleine Initiatoren kein Mangel sein. Je größer eine Organisation aber ist, umso wichtiger ist das DZI-Siegel. Derzeit tragen 251 Organisationen das Siegel, man findet sie unterhttp://www.dzi.de>www.dzi.de Auf Anfrage erteilt das DZI Auskünfte über rund 2.100 Spendensammler. Doch eine Zertifizierung macht eine Organisation nicht über jeden Zweifel erhaben. Auch das Kinderhilfswerk UNICEF war mit dem DZI-Spendensiegel gesegnet, bis ihm 2008 das Siegel wegen unrichtiger Angaben bei Provisionszahlungen für Spendengelder entzogen wurde.

 

Gemeinnützigkeit selbst organisieren – die private Treuhandstiftung

 

Das deutsche Steuerrecht gestattet es Stifterinnen und Stiftern pro Kopf alle zehn Jahre rund eine Million Euro als Sonderausgabe steuerlich absetzen zu können. Die steuerliche Verteilung dieser Zuwendung an die Stiftung kann innerhalb von zehn Jahren verteilt werden. Der Stifter kann seiner privaten Treuhandstiftung einen beliebigen gemeinnützigen Zweck geben – aber natürlich auch die laufende Geldverwendung bestimmen und überwachen. Die Kosten für die Abwicklung des Treuhänders liegen zumeist im einstelligen Prozentbereich. Für Unternehmer bieten sich hier interessante zusätzliche steuerliche Gestaltungsmöglichkeiten, z. B. durch eine eigene Tätigkeit für die eigene Stiftung. Eine Erleichterung ist bisweilen der Umstand, dass keine staatliche Stiftungsaufsicht die Verwaltung belastet. Andererseits bedarf die Errichtung im Einzelfall einer engen Abstimmung mit der Finanzverwaltung, denn die Anforderungen können sich „je nach Landschaft“ in der Praxis unterscheiden. Der Charme dieses Steuersparmodells liegt in der hohen Effizienz und Transparenz für den Stifter. Hinzu kommen die Optionen für das Marketing des Stifters und eine selbst bestimmte Mitwirkung bei der Umsetzung eigener Wohltätigkeit.

 

Wer spendet, will Steuern sparen

 

Etwa 40 Prozent der Deutschen spenden, 2008 gab jeder von ihnen mehr als 100 Euro aus. Bis zu einer gewissen Grenze sind Spenden steuerlich absetzbar. Bei einem Grenzsteuersatz von beispielsweise 40 Prozent beteiligt sich der Fiskus mit 40 Cent für jeden gespendeten Euro. Erhöht der Staat den Steuernachlass um ein Prozent, erhöht sich nach einer Studie vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) das Spendenvolumen von durchschnittlich 1,38 auf 1,54 Prozent. Weniger groß ist der Effekt einer Einkommenserhöhung auf das Spendenverhalten der Deutschen. Reiche Leute spenden zwar mehr als ärmere, doch nicht proportional mehr. Steigt das Einkommen um ein Prozent, gaben die Untersuchten im Durchschnitt nur 0,74 Prozent mehr.

 

Dr. Johannes Fiala
Hans-Lothar Merten

(Network Karriere 04/2011, 34)

Mit freundlicher Genehmigung vonhttp://www.network-karriere.de>www.network-karriere.de.

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