Immobilienteilverkauf: Was Anbieter verschweigen – und was er wirklich kostet

Immobilienteilverkauf: Was Anbieter verschweigen – und was er wirklich kostet

Das Versprechen klingt bestechend: Sie verkaufen einen Teil Ihrer Immobilie – und erhalten dafür sofort eine Einmalzahlung, während Sie weiterhin in Ihrem Zuhause wohnen bleiben. Kein Umzug, keine Bankprüfung, keine Altersgrenze.

Die deutschen Anbieter – darunter Deutsche Teilkauf, Heimkapital oder Engel & Völkers LiquidHome – bewerben dieses Modell intensiv. Was in den Prospekten oft fehlt: das monatliche Nutzungsentgelt, das über Jahre kumuliert, die Konsequenzen einer Anbieter-Insolvenz und häufig unvorteilhafte Rückkaufbedingungen.

Dieser Artikel erklärt, wie der Immobilienteilverkauf rechtlich konstruiert ist, was er wirklich kostet – mit konkreten Zahlen – und für wen er trotzdem sinnvoll sein kann.

Was ist Immobilienteilverkauf? Die rechtliche Konstruktion

Beim Immobilienteilverkauf veräußert der Eigentümer einen Anteil seiner Immobilie – typischerweise zwischen 10 und 50 Prozent – an einen spezialisierten Anbieter. Der Kaufpreis wird als Einmalzahlung ausgezahlt. Im Gegenzug räumt der Anbieter dem verkäufenden Eigentümer ein lebenslanges Niesbrauchrecht oder Wohnrecht ein.

Rechtlich handelt es sich um einen echten Eigentumsverkauf nach § 433 BGB. Der Anteil des Anbieters wird im Grundbuch eingetragen – als Miteigentum. Der Anbieter ist ab diesem Moment Miteigentümer Ihrer Immobilie, mit allen damit verbundenen Rechten und Pflichten.

Das Niesbrauchrecht (§ 1030 BGB) sichert dem Verkäufer die Nutzung der gesamten Immobilie – auch des verkauften Anteils. Für diese Nutzung zahlt er monatlich ein Nutzungsentgelt an den Anbieter.

Das Nutzungsentgelt: Der unsichtbare Preis

Das Nutzungsentgelt ist der zentrale Kostenfaktor, der in Prospekten oft nur am Rand erwähnt wird. Es berechnet sich als jährlicher Prozentsatz des verkauften Anteils – üblicherweise zwischen 4 und 7 Prozent.

Immobilienwert

300.000 €

Verkaufter Anteil

20 % = 60.000 € Einmalzahlung

Nutzungsentgelt (6 % p.a.)

3.600 € / Jahr = 300 € / Monat

Nach 10 Jahren gezahlt

36.000 € Nutzungsentgelt (= 60 % der Einmalzahlung)

Nach 20 Jahren gezahlt

72.000 € – mehr als die Einmalzahlung selbst

Zusätzlich Transaktionskosten

Notar, Grundbuch, Gutachter: ca. 3–4 %

Abb. 1: Kostenentwicklung Nutzungsentgelt – 60.000 € Teilverkauf über 20 Jahre kumuliert

Was passiert bei Insolvenz des Anbieters?

Dieser Punkt wird von Anbietern selten thematisiert. Der Miteigentumsanteil des Anbieters gehört im Insolvenzfall zur Insolvenzmasse.

Das Niesbrauchrecht des Eigentümers bleibt grundbuchlich eingetragen und erlischt nicht durch die Insolvenz – das ist der entscheidende Schutz. Allerdings kann der Insolvenzverwalter den Anteil an Dritte veräußern. Der neue Miteigentümer ist an das Niesbrauchrecht gebunden, kann aber eine Teilungsversteigerung nach § 180 ZVG beantragen – ein Szenario, das Eigentümer zum Auszug zwingen kann.

Eigentümer sollten vor Vertragsunterzeichnung prüfen, ob ein Ausschluss der Teilungsversteigerung vertraglich geregelt ist. Ohne diesen Ausschluss besteht ein reales Risiko.

Rückkauf: Was im Kleingedruckten steht

Die meisten Anbieter räumen dem Verkäufer ein Rückkaufsrecht ein. Was selten kommuniziert wird: Der Rückkaufspreis richtet sich nach dem Marktwert zum Zeitpunkt des Rückkaufs – nicht nach dem ursprünglichen Verkaufspreis.

Bei einer Immobilie, die seit dem Teilverkauf 15 Prozent im Wert gestiegen ist, zahlt der Eigentümer entsprechend mehr. Hinzu kommen erneut Transaktionskosten: Notar, Grundbuchumschreibung, teils ein neues Gutachten. Der Rückkauf ist für viele Eigentümer in der Praxis nicht finanzierbar.

Die Warnung der Verbraucherzentrale

Die Verbraucherzentralen haben Immobilienteilverkauf-Modelle mehrfach kritisch bewertet. Kernkritik: Das Modell sei für Verbraucher oft intransparent. Das Nutzungsentgelt werde als harmlose Gebühr dargestellt, obwohl es ökonomisch einem hochverzinslichen Kredit entspricht – mit dem Unterschied, dass kein Kapital zurückgezahlt wird.

Die Stiftung Warentest hat ähnliche Kritik geäußert: Verglichen mit einem klassischen Kredit oder einer Leibrente ist der Immobilienteilverkauf in den meisten Fällen die teurere Lösung.

Alternativen im direkten Vergleich

Für Eigentümer, die Liquidität aus ihrer Immobilie benötigen, gibt es strukturell alternative Modelle:

Modell

Vorteil

Nachteil

Leibrente

Monatliche Rente lebenslang, kein Nutzungsentgelt

Vollständige Eigentumsaufgabe

Immobilienverzehrkredit (§ 505a Abs. 3 BGB)

Eigentumserhalt, gesetzlich geregelt

In Deutschland kaum Anbieter

Seniorenkredit

Eigentumserhalt, keine Nutzungsgebühr

Kreditwürdigkeitsprüfung oft Hindernis

Vollverkauf mit Wohnrecht

Höchste Liquidität, klar strukturiert

Eigentum geht vollständig über

Abb. 2: Entscheidungsbaum – Immobilienteilverkauf oder Alternative?

Fünf Alternativen unabhängig von Anbietern

Neben den bekannten Verrentungsmodellen gibt es weitere strukturelle Wege, Liquidität aus einer Immobilie zu gewinnen – ohne auf spezialisierte Anbieter angewiesen zu sein. Diese Alternativen werden in der Beratungspraxis häufig übersehen, können aber je nach persönlicher Situation deutlich günstiger oder flexibler sein.

1. Schenkung mit Nießbrauchvorbehalt

Der Eigentümer überträgt die Immobilie bereits zu Lebzeiten an seine Kinder oder Erben – behält aber per Nießbrauchrecht (§ 1030 BGB) das lebenslange Wohnrecht und die Nutzungsrechte. Kein Nutzungsentgelt, keine Insolvenzrisiken, kein fremder Miteigentümer.

Vorteil: Der Wert der Schenkung reduziert die spätere Erbschaftsteuerlast. Bei frühzeitiger Schenkung (mehr als 10 Jahre vor dem Erbfall) greift der persönliche Freibetrag erneut (§ 14 ErbStG). Nachteil: Keine Einmalzahlung – die Liquidität entsteht nicht direkt. Das Modell eignet sich vor allem zur Nachlassgestaltung, nicht zur kurzfristigen Kapitalbeschaffung.

2. Familieninterner Teilverkauf

Statt an einen gewerblichen Anbieter wird der Immobilienanteil an ein Familienmitglied veräußert – zu einem notariell beurkundeten Kaufpreis. Das Nießbrauchrecht oder Wohnrecht wird vertraglich gesichert. Der Verkäufer erhält die Einmalzahlung, zahlt aber kein laufendes Nutzungsentgelt an einen Konzern.

Vorteil: Kein gewerbliches Nutzungsentgelt, kein Insolvenzrisiko eines Anbieters, Immobilie bleibt in der Familie. Nachteil: Erfordert Vertrauen und klare vertragliche Regelungen – Konflikte im Erbfall sind möglich, wenn die Abmachungen nicht rechtssicher gestaltet sind. Empfehlung: notarielle Beurkundung und Eintragung im Grundbuch sind zwingend.

3. Grundschuldkredit auf lastenfreie Immobilie

Wer eine schuldenfreie Immobilie besitzt, kann diese als Sicherheit für einen klassischen Bankkredit einsetzen – ohne Eigentumsanteil abzugeben. Die Bank trägt eine Grundschuld ins Grundbuch ein; der Kredit wird in Raten oder als Einmalzahlung ausgezahlt.

Vorteil: Volle Eigentumserhaltung, keine Nutzungsgebühr, marktübliche Zinsen (deutlich unter 6 % p.a. beim heutigen Immobilienteilverkauf). Nachteil: Kreditwürdigkeitsprüfung erforderlich – für Rentner mit niedrigem Einkommen häufig das entscheidende Hindernis. Viele Banken finanzieren ab einem bestimmten Alter nur noch eingeschränkt.

4. Verkauf und Rückmietung (Sale and Rent Back)

Der Eigentümer verkauft die Immobilie vollständig – und schließt gleichzeitig einen langfristigen Mietvertrag ab, der ihm das Wohnen im gleichen Objekt ermöglicht. Die Einmalzahlung entspricht dem vollen Marktwert (abzüglich Abschlag für das Rückmietrecht).

Vorteil: Höchste Liquidität aller Modelle, kein laufendes Nutzungsentgelt auf einen Teilbetrag – stattdessen transparente Miete. Nachteil: Vollständiger Eigentumsverlust. Der Käufer kann kündigen oder die Immobilie weiterverkaufen – Mietschutz nach BGB gilt, ist aber kein Ersatz für Eigentumsrechte. Vertragsgestaltung und Laufzeit des Mietvertrags sind entscheidend.

5. Erbbaurecht als Liquiditätshebel

Wer Eigentümer sowohl des Grundstüks als auch des Gebäudes ist, kann das Grundstück als Erbbaurecht (§§ 1 ff. ErbbauRG) an einen Dritten übertragen – gegen einen Erbbauzins über typischerweise 50–99 Jahre. Das Gebäude verbleibt beim Eigentümer, der zusätzlich eine Einmalzahlung oder laufende Zahlungen erhält.

Vorteil: Eigentumserhalt am Gebäude, keine Aufgabe des Wohnrechts, steuerlich interessant. Nachteil: Komplex in der Gestaltung, erfordert spezifische rechtliche Beratung. Für Standardfälle weniger geeignet – eher bei größeren Grundstücken oder Gewerbeobjekten relevant.

Alternative

Eigentumserhalt

Sofortliquidität

Kreditprüfung nötig

Schenkung + Nießbrauch

Ja (bis Schenkung)

Nein

Nein

Familieninterner Teilverkauf

Teilweise

Ja

Nein

Grundschuldkredit

Ja

Ja

Ja

Sale and Rent Back

Nein

Ja (vollständig)

Nein

Erbbaurecht

Ja (Gebäude)

Teilweise

Nein

Für wen ist Immobilienteilverkauf sinnvoll?

Das Modell hat Berechtigung in einem engen Anwendungsfall: Eigentümer, die kurzfristig Liquidität benötigen, keine Kreditwürdigkeitsprüfung bestehen können, einen absehbaren Verkaufszeitpunkt planen und die Immobilie nicht dauerhaft behalten wollen.

Wer langfristig in der Immobilie wohnen bleibt und das Nutzungsentgelt über 15 oder 20 Jahre trägt, zahlt in der Summe mehr als bei einer klassischen Kreditfinanzierung – sofern diese möglich wäre. In diesem Fall ist der familieninterne Teilverkauf oder – bei ausreichender Bonität – der klassische Grundschuldkredit die wirtschaftlich günstigere Lösung.

Fazit

Hinweis: Aufgrund der Komplexität der wirtschaftlichen Auswirkungen empfiehlt sich vor einer Entscheidung die Einschaltung eines unabhängigen Finanzmathematikers. Nur so lässt sich die tatsächliche Kostenbelastung über die Laufzeit transparent berechnen und vergleichen.

Der Immobilienteilverkauf ist kein Sonderangebot, sondern ein Finanzprodukt mit erheblichen langfristigen Kosten und rechtlichen Risiken, die Eigentümer vor Vertragsunterzeichnung vollständig verstehen sollten. Das Nutzungsentgelt entspricht ökonomisch einem Kredit – mit dem Unterschied, dass kein Kapital zurückgezahlt wird und der Anteil dauerhaft beim Anbieter verbleibt.

Die Alternativen – von der Schenkung mit Nießbrauchvorbehalt über den familieninternen Teilverkauf bis zum klassischen Grundschuldkredit – sind in vielen Fällen günstiger, flexibler und rechtlich klarer strukturiert. Wer Liquidität aus seiner Immobilie benötigt, sollte alle Modelle nebeneinander prüfen. Eine unabhängige anwaltliche Beratung ist in jedem Fall empfehlenswert – insbesondere bevor ein Teilverkaufsvertrag unterzeichnet wird.

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Über den Autor

Dr. Johannes Fiala PhD, MBA, MM

Dr. Johannes Fiala ist seit mehr als 25 Jahren als Jurist und Rechts­anwalt mit eigener Kanzlei in München tätig. Er beschäftigt sich unter anderem intensiv mit den Themen Immobilien­wirtschaft, Finanz­recht sowie Steuer- und Versicherungs­recht. Die zahl­reichen Stationen seines beruf­lichen Werde­gangs ermöglichen es ihm, für seine Mandanten ganz­heitlich beratend und im Streit­fall juristisch tätig zu werden.
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